Die Rechnung, die jeder im Kopf macht
Sie geht so: Nimm den Betrag, den du im Jahr aus Ausschüttungen bestreiten willst, und teile ihn durch die Ausschüttungsrendite deines Depots. Heraus fällt das Kapital, das dafür nötig ist. Wer monatlich 2.000 Euro decken möchte, landet bei 24.000 Euro im Jahr. Unterstellt man rein rechnerisch 3 Prozent, ergeben sich 800.000 Euro. Bei 2 Prozent wären es 1.200.000 Euro, bei 4 Prozent 600.000 Euro. Das sind Rechenbeispiele und keine Erwartung.
Am Abstand zwischen diesen Zahlen zeigt sich das erste Problem. Ein einziger Prozentpunkt verschiebt den Bedarf um mehrere hunderttausend Euro, und über diesen Prozentpunkt bestimmst du nicht. Er entsteht aus dem, was die Unternehmen und Fonds in deinem Depot auszahlen, und er sieht in jedem Jahr etwas anders aus.
Das zweite Problem steckt im Betrag selbst. Die 24.000 Euro sind eine Bruttogröße. Bevor davon etwas in deinem Alltag ankommt, greifen mehrere Posten zu, die in der Kopfrechnung schlicht fehlen.
Was zwischen Ausschüttung und Konto liegt
Der Fiskus ist vor dir dran
Eine Ausschüttung zählt als Kapitalertrag und wird entsprechend besteuert. Fällig sind 25 Prozent Abgeltungsteuer, dazu der Solidaritätszuschlag darauf und, falls du kirchensteuerpflichtig bist, die Kirchensteuer. Deine Bank zieht das meist sofort ab. Die Bruttozahl aus einer Dividendenübersicht siehst du auf dem Konto also nie.
Zwei Regelungen mildern das. Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs bleiben dank der Teilfreistellung 30 Prozent der Erträge außen vor, weil der Fonds selbst schon Steuern trägt. Dazu kommt der Sparerpauschbetrag, 1.000 Euro je Person und 2.000 Euro bei Zusammenveranlagung. Bei einer Jahresausschüttung dieser Größenordnung ist er allerdings nach den ersten Zahlungen aufgebraucht und deckt nur eine Ecke ab. Unwichtig ist er trotzdem nicht: Ohne Freistellungsauftrag greift die Bank auch auf diesen Teil zu, und du holst ihn erst über die Steuererklärung zurück.
Aus dem Ausland kommt weniger an
Zahlt ein Unternehmen mit Sitz jenseits der Grenze aus, bedient sich oft zuerst der dortige Staat. Ein Teil dieser Quellensteuer lässt sich auf die deutsche Steuer anrechnen. Der Rest ist nur über ein Erstattungsverfahren im jeweiligen Land zu holen, mit Formularen, Fristen und je nach Staat viel Geduld. Für deine Planung heißt das vor allem eines: Rechne nicht mit der Bruttozahl.
Der Betrag muss jedes Jahr ein Stück wachsen
Eine Ausschüttung, die heute deine Kosten trägt, trägt sie in fünfzehn Jahren nicht mehr. Nicht weil sie kleiner würde, sondern weil ringsherum alles teurer wird. Ein Ruhestand zieht sich häufig über 25 bis 35 Jahre, und in dieser Spanne verliert ein gleichbleibender Eurobetrag fortlaufend an Kaufkraft. Daraus folgt etwas Unbequemes: Eine hohe Zahlung heute genügt nicht, sie muss über die Jahre mitziehen. Ausgerechnet Titel mit besonders üppiger aktueller Ausschüttung schaffen das oft nicht, weil im Unternehmen kaum noch etwas bleibt, womit es wachsen könnte.
Dividenden sind kein Zins
Niemand schuldet sie dir, und niemand sagt sie zu. Läuft das Geschäft schlecht, wird gekürzt oder gestrichen, und schlecht läuft es meist in wirtschaftlich rauen Phasen. Das ist genau der Moment, in dem du das Geld brauchst und in dem die Kurse ohnehin gedrückt sind. Wer seinen gesamten Lebensunterhalt auf die erwartete Summe stellt, hat für dieses Zusammentreffen nichts in der Hinterhand.
Warum die hohe Rendite ein schlechter Filter ist
Die Ausschüttungsrendite ist ein Bruch mit dem Kurs im Nenner. Sie wächst also nicht nur, wenn ein Unternehmen großzügiger wird, sondern genauso, wenn der Kurs nachgibt. Wer eine Liste danach ordnet und oben zugreift, sammelt deshalb reihenweise Firmen ein, deren Kurs aus irgendeinem Grund gelitten hat. Manchmal ist der Grund belanglos. Oft genug ist er es nicht, und was folgt, ist die Kürzung.
Den zweiten Punkt denken noch weniger mit. Am Tag der Auszahlung gibt der Kurs beziehungsweise der Anteilswert rechnerisch um genau die Summe nach, die überwiesen wird. Nichts kommt von außen hinzu, das Geld wechselt nur den Aufbewahrungsort: vorher im Depot, danach auf dem Konto. Vor Steuern besitzt du unmittelbar danach exakt so viel wie davor, nach Steuern sogar etwas weniger. Das spricht nicht gegen Ausschüttungen. Es spricht dagegen, sie als Zugabe über der Kursentwicklung zu verbuchen.
Was ich in Mandaten prüfe
Wenn ein Ausschüttungsdepot in der Planung klemmt, liegt es fast nie an der Höhe der Zahlungen. Es liegt daran, dass brutto und netto verwechselt wurden und dass für ein schwaches Jahr nichts zurückgelegt ist. Ich rechne die geplante Summe deshalb zuerst nach Steuern durch und streiche danach im Kopf noch einmal ein knappes Drittel weg. Steht der Plan auch dann noch, trägt er.
Ausschütten lassen oder Anteile verkaufen
Beides ist eine Entnahme, nur auf verschiedenen Wegen. Also lässt sich nüchtern abwägen.
- Für die Ausschüttung spricht, dass das Geld ohne dein Zutun eintrifft. In einem schwachen Börsenjahr musst du nichts veräußern, und vielen fällt es erheblich leichter, von den Erträgen zu leben, als dem eigenen Depot beim Schrumpfen zuzusehen.
- Gegen die Ausschüttung spricht, dass dir weder die Höhe noch der Termin gehört. Versteuert wird, sobald ausgezahlt wird, ganz gleich ob du das Geld gerade gebrauchen kannst. Hinzu kommt: Ein Depot, das stramm auf Ausschüttung getrimmt ist, sammelt sich meist in wenigen Branchen und Weltgegenden und steht damit schmaler da.
- Für den Anteilsverkauf spricht, dass du exakt die Summe entnimmst, die du brauchst, und zwar wann du sie brauchst. Steuerlich fällt das oft günstiger aus, weil nur der Gewinnanteil im Verkauf erfasst wird und nicht der ganze Betrag. Die Mechanik dahinter steht in ETF-Entnahmeplan und Steuern.
- Gegen den Anteilsverkauf spricht, dass er Disziplin verlangt. Du musst tätig werden, auch in Jahren, in denen dir gar nicht danach ist, und du brauchst ein Polster, damit du in schwachen Phasen eben nichts verkaufen musst. Wie groß es ausfällt, steht in Liquiditätsreserve im Ruhestand.
In der Praxis landen die meisten bei einer Kombination: die Ausschüttungen als Grundstock, Verkäufe für den Rest, dazu ein Polster für magere Jahre. Welche Variante auf dem Papier überlegen ist, spielt dabei eine kleinere Rolle als die Frage, welche du drei Jahrzehnte lang tatsächlich durchhältst.
Was du daraus für deine Planung mitnimmst
Drei Zahlen brauchst du, bevor du beurteilen kannst, ob deine Ausschüttungen tragen. Zuerst die monatliche Lücke, die nach allen festen Einkünften offen bleibt, denn nur sie muss das Depot schließen. Wie du sie ermittelst, steht in Rentenlücke berechnen. Dann die Ausschüttung nach Steuern statt davor. Und schließlich das Polster für die Jahre, in denen weniger hereinkommt als gedacht.
Willst du vorab grob prüfen, ob die Größenordnung überhaupt stimmt, hilft ein Blick auf die 4-Prozent-Regel. Beantworten kann sie deine Frage nicht, aber sie zeigt dir in einer Minute, ob du im richtigen Bereich denkst.
Häufige Fragen
Wie viel Depot steckt hinter 1.000 Euro Dividende im Monat?
Teile die gewünschte Jahressumme durch die Ausschüttungsrendite deines Depots. Für 1.000 Euro monatlich sind das 12.000 Euro im Jahr, und zwar vor Steuern. Welche Kapitalsumme daraus wird, hängt ganz daran, wie hoch die Ausschüttungsrendite in deinem konkreten Depot ausfällt: Je niedriger sie liegt, desto mehr Kapital ist nötig. Sollen am Ende 1.000 Euro netto übrig bleiben, liegt der Bedarf nochmals deutlich höher, weil Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer vorher zugreifen.
Ausschüttend oder thesaurierend: Was passt im Ruhestand besser?
Beide Wege enden an derselben Stelle, nämlich bei einer Entnahme. Ausschüttende Fonds überweisen dir Geld, ohne dass du tätig werden musst, und das ist in einem schwachen Börsenjahr psychologisch angenehmer. Thesaurierende verlangen einen Verkauf, dafür bestimmst du Höhe und Termin selbst, und erfasst wird nur der Gewinnanteil der veräußerten Anteile. Ausschlaggebend ist selten die Steuer, sondern die Frage, wie viel Betrieb du dir im Ruhestand überhaupt antun möchtest.
Warum gibt der Kurs am Ausschüttungstag nach?
Weil das ausgezahlte Geld vorher im Unternehmen oder im Fondsvermögen steckte und danach auf deinem Konto liegt. Von außen kommt nichts hinzu. Rechnerisch sinkt der Kurs beziehungsweise der Anteilswert an diesem Tag um exakt die überwiesene Summe. Vor Steuern besitzt du unmittelbar danach genauso viel wie davor, nach Steuern etwas weniger, weil die Bank ihren Teil sofort abzieht. Eine Ausschüttung ist deshalb keine Zugabe, die über der Kursentwicklung noch obendrauf käme.
Gehören Dividenden in die Steuererklärung?
Führt eine deutsche Bank dein Depot, zieht sie die Steuer meist direkt ab und leitet sie weiter. Formal ist die Sache damit abgehakt. Ein Eintrag in der Anlage KAP kann sich dennoch auszahlen, etwa bei niedrigem persönlichem Steuersatz, bei nicht ausgeschöpftem Sparerpauschbetrag, wenn Verluste verrechnet werden sollen oder ausländische Quellensteuer anzurechnen ist. Liegt das Depot im Ausland, erklärst du die Erträge selbst. Was für dich gilt, klärst du mit einem Steuerberater oder dem Finanzamt.
Wie viel Polster brauche ich neben einem Ausschüttungsdepot?
So viel, dass ein Jahr mit deutlich gekürzten Zahlungen deinen Alltag nicht umstellt. Gekürzt wird typischerweise dann, wenn die Wirtschaft schwächelt und die Kurse ohnehin gedrückt sind. Ohne Polster müsstest du ausgerechnet in diesem Moment Anteile veräußern, um die fehlende Summe zu ersetzen. Wie groß es sinnvollerweise ausfällt, hängt daran, welcher Teil deiner Fixkosten schon durch feste Einkünfte abgedeckt ist.