Derselbe Durchschnitt, zwei völlig verschiedene Ergebnisse
Multiplikationen kennen keine Reihenfolge. Ob du eine Zahl erst halbierst und danach verdreifachst oder umgekehrt, ändert am Resultat nichts. Genau deshalb spielt es für ein Depot, aus dem weder Geld abfließt noch hineinwandert, keine Rolle, in welcher Abfolge gute und schlechte Börsenjahre eintreffen. Am Schluss steht dieselbe Summe.
Sobald Geld bewegt wird, bricht diese Gleichgültigkeit zusammen. Beim Ansparen zu deinen Gunsten, weil eine gleichbleibende Rate in gedrückten Märkten mehr Stücke einkauft. Beim Entnehmen gegen dich. Denn jede Auszahlung verkleinert den Betrag, auf den die nächste Jahresrendite angewendet wird, und passiert das kurz nach einem Rückgang, wird von einem ohnehin geschrumpften Bestand abgezogen.
Das ist kein Feinschliff für Zahlenfreunde. Davon hängt ab, ob ein Plan drei Jahrzehnte durchhält oder nach der Hälfte kippt, und zwar bei exakt denselben Börsenjahren.
Der Versuchsaufbau
Stell dir zwei Menschen vor, die am selben Datum aufhören zu arbeiten. Jeder hat 500.000 Euro im Depot, jeder holt sich zu Jahresbeginn 25.000 Euro heraus, Jahr für Jahr denselben Betrag. Beide durchlaufen dieselben zehn Jahresergebnisse: minus 25 Prozent, minus 20, minus 5, danach plus 5, dreimal plus 10, plus 15, plus 20 und plus 30 Prozent. Im Mittel macht das 5 Prozent jährlich, für beide gleich.
Verschieden ist allein die Abfolge. Der eine bekommt die Liste von vorn und startet mit den Verlustjahren. Der andere bekommt sie rückwärts und hat die starken Jahre am Anfang. Zur Einordnung vorweg: Ohne jede Auszahlung stünden beide nach zehn Jahren bei rund 714.500 Euro, exakt gleich. Erst das Entnehmen bringt die Symmetrie zum Einsturz.
Mit der Flaute beginnen
Für jedes Jahr wird zuerst der Betrag abgezogen und danach die Rendite auf den Rest angewendet.
- Erstes Jahr: von 500.000 Euro bleiben nach der Auszahlung 475.000 Euro, minus 25 Prozent ergibt 356.250 Euro.
- Zweites Jahr: aus 356.250 Euro werden nach der Auszahlung 331.250 Euro, minus 20 Prozent ergibt 265.000 Euro.
- Drittes Jahr: 240.000 Euro nach der Auszahlung, minus 5 Prozent ergibt 228.000 Euro.
Nach drei Jahren ist mehr als die Hälfte weg, obwohl bis dahin nur 75.000 Euro ausgezahlt wurden. Die guten Jahre stehen noch bevor, treffen dann allerdings auf einen erheblich kleineren Bestand. Am Ende der zehn Jahre bleiben rund 229.300 Euro.
Mit Rückenwind beginnen
- Erstes Jahr: 475.000 Euro nach der Auszahlung, plus 30 Prozent ergibt 617.500 Euro.
- Zweites Jahr: 592.500 Euro nach der Auszahlung, plus 20 Prozent ergibt 711.000 Euro.
- Drittes Jahr: 686.000 Euro nach der Auszahlung, plus 15 Prozent ergibt 788.900 Euro.
Hier rutschen die Verlustjahre ans Ende und treffen auf einen Bestand, der lange gewachsen ist. Nach zehn Jahren stehen rund 511.000 Euro auf dem Papier, mehr als doppelt so viel wie im ersten Fall. Gleicher Durchschnitt, gleiche Auszahlung, gleiche Börsenjahre.
Die Aufstellung ist konstruiert, die Werte sind glatt gewählt, und die Auszahlung läuft unnatürlich gleichmäßig. Eine Renditeerwartung steckt nicht darin, eine Prognose ebenso wenig, und über künftige Kapitalmärkte sagt sie nichts aus. Sie zeigt allein, wie der Rechenweg funktioniert, und ersetzt weder Anlage- noch Steuerberatung.
Der Grund liegt bei den Stücken, nicht bei den Prozenten
Üblicherweise wird das mit dem Satz erklärt, Verluste wögen schwerer als Gewinne. Damit ist der Kern verfehlt. Entscheidend ist, was auf der Ebene der Anteile geschieht: Ist der Kurs gefallen, brauchst du für dieselben 25.000 Euro mehr Stücke. Die sind danach endgültig fort. Kommt später die Erholung, liegen sie nicht mehr im Depot und können an ihr nicht teilnehmen.
Rückgang und Auszahlung treten also nicht nacheinander auf, sie greifen ineinander. Der Kurs findet womöglich zu seinem alten Stand zurück, die Zahl deiner Anteile tut das nicht. Deshalb ist ein Depot, aus dem entnommen wird, etwas anderes als dasselbe Depot in der Ansparzeit, auch wenn im Auszug dieselben Positionen stehen.
Warum die Jahre um den Ausstieg herum am schwersten wiegen
Die Jahre sind nicht gleich viel wert. Am stärksten wirkt der Effekt kurz vor und kurz nach dem letzten Arbeitstag, weil dort drei Umstände zusammenfallen:
- Der Bestand steht auf seinem Höchststand. Ein Minus von 25 Prozent kostet bei 500.000 Euro rechnerisch fünfmal so viel wie bei 100.000 Euro.
- Die Auszahlungen setzen gerade ein. Ein Rückgang trifft auf ein Depot, dem erstmals dauerhaft Geld entzogen wird. Eine Sparrate, die dagegenhält, gibt es nicht mehr.
- Es liegt noch die längste Strecke vor dir. Ein schwacher Auftakt wirkt über den gesamten restlichen Ruhestand nach, ein mageres Jahr mit 85 dagegen nur noch kurz.
Später dreht sich das Gewicht. Ist der größere Teil der Strecke geschafft, sind schlechte Jahre ärgerlich, aber nicht mehr gefährlich. Sinnvolle Vorbereitung richtet sich deshalb auf ein schmales Fenster von wenigen Jahren rund um den Übergang und nicht gleichmäßig auf drei Jahrzehnte.
Was ich in Mandaten stattdessen tue
Ich stelle im ersten Gespräch eine Frage, die von allein fast nie kommt: Wofür ist dieses Depot eigentlich gebaut, fürs Ansparen oder fürs Entnehmen? Gefragt wird sonst nach Kosten, Rendite und Fondsauswahl. Die Abfolge der Jahre taucht meistens erst auf, wenn der erste größere Rückgang da ist und die Auszahlungen trotzdem weiterlaufen müssen. Genau dann ist der Spielraum am kleinsten. Deshalb schicke ich jeden Plan durch mehrere historische Krisenverläufe, bevor ich ihn als fertig bezeichne.
Vier Stellschrauben, jede mit einer Rechnung
Vorab das Wichtigste: Aus der Welt schaffen lässt sich die Sache nicht. Welche Abfolge dir zufällt, weiß vorher niemand, und steuern kann sie erst recht niemand. Beeinflussbar ist nur, wie tief eine ungünstige Abfolge in deinen Plan einschneidet. Dafür gibt es vier Stellschrauben, und jede hat einen Preis, den ich hier mitnenne.
1. Geld außerhalb des Depots
Liegt der Bedarf von einem oder mehreren Jahren außerhalb der schwankenden Anlage, brauchst du in einem schlechten Jahr nichts zu verkaufen. Du lebst aus dem Vorrat und lässt die Anteile liegen. Wie groß er ausfallen sollte und wann du ihn wieder auffüllst, steht im Text zur Liquiditätsreserve im Ruhestand. Bezahlt wird das damit, dass dieser Teil nicht mitarbeitet und über die Jahre an Kaufkraft einbüßt.
2. Ein beweglicher Auszahlungsbetrag
Nichts verstärkt den Effekt so zuverlässig wie eine Rate, die Jahr für Jahr unverändert abgebucht wird. Nimmst du in schwachen Jahren etwas weniger und holst in starken Jahren nach, verliert der Mechanismus einen guten Teil seiner Wirkung. Was starre Regeln leisten und wo sie an ihre Grenze kommen, behandelt der Text zur 4-Prozent-Regel. Bezahlt wird das mit Planbarkeit, denn dein verfügbares Budget bewegt sich, und dein Alltag muss das vertragen.
3. Mehr Grundbedarf aus festen Quellen
Die wirksamste Stellschraube sitzt oft gar nicht im Depot. Je größer der Teil deiner laufenden Kosten ist, den gesetzliche Rente, Betriebsrente, Mieten oder eine lebenslange Rentenzahlung abdecken, desto kleiner ist der Rest, den das Depot beisteuern muss, und desto weniger Schaden richtet eine unglückliche Abfolge an. Der Einstieg dazu ist, die Lücke sauber auszurechnen statt sie zu schätzen. Bezahlt wird das mit Beweglichkeit, denn feste Quellen lassen sich schlechter anpassen als ein breit gestreutes Depot.
4. Das Risiko im Vorfeld herunterfahren
Ist der Übergang absehbar, lässt sich der Teil, der die ersten Ruhestandsjahre finanzieren soll, über mehrere Jahre in ruhigeres Fahrwasser bringen, in Etappen und nicht an einem Stichtag. Wie das abläuft, steht unter Depot umschichten vor der Rente. Der Preis ist der ehrlichste Satz in diesem Text: Wer die Ausschläge verkleinert, verkleinert auch die Chance.
Umsonst gibt es diesen Schutz nirgends. Es bleibt die Wahl, welches Risiko dir lieber ist: Bewegung heute oder schleichender Wertverlust über 25 Jahre.
Die Abfolge kannst du dir nicht aussuchen. Feststellen kannst du aber, wie stark dein Plan auf sie reagiert. Dafür genügen drei Zahlen, die der Ruhestands-Cashflow-Check ausgibt: deine monatliche Lücke, die Reichweite deines Vorrats in Monaten und deine rechnerische Entnahmerate als Spanne.
Häufige Fragen
Gilt das Renditereihenfolge-Risiko auch, solange ich noch spare?
In der Ansparzeit läuft der Effekt andersherum. Wer regelmäßig einzahlt, bekommt bei niedrigen Kursen mehr Stücke für dieselbe Rate, magere Jahre am Anfang sind für einen Sparplan also rechnerisch eher hilfreich, solange du die Einzahlungen durchziehst. Das Vorzeichen kippt erst, wenn du aufhörst einzuzahlen und anfängst zu entnehmen. Ab da gibst du in schwachen Jahren mehr Stücke ab, statt zusätzliche zu bekommen.
Wäre es nicht sicherer, vor dem Ruhestand ganz aus schwankenden Anlagen auszusteigen?
Damit tauschst du ein Risiko gegen ein anderes. Wer vollständig aussteigt, hat das Problem der Abfolge zwar entschärft, steht dann aber vor der Aufgabe, seine Kaufkraft über zweieinhalb Jahrzehnte oder mehr zu erhalten. Ohne einen Anteil, der wachsen darf, gelingt das selten. Häufiger wird deshalb nach Zeit gestaffelt: die nahe Zukunft schwankungsarm abgedeckt, der lange Horizont weiterhin investiert. Wie die Aufteilung im Einzelfall ausfällt, hängt an deinen festen Einkünften, an deinem Zeithorizont und daran, wie viel Bewegung du aushältst.
Wie früh sollte ich mich damit befassen?
Einen festen Wert kann ich dir nicht nennen, aber sobald der Ruhestand in Sichtweite kommt, lohnt der Blick, in der Praxis also ungefähr fünf bis zehn Jahre vorher. Es geht dabei nicht um Eile, sondern um Spielraum: Wer früh beginnt, baut Vorrat und Struktur in Ruhe über mehrere Jahre hinweg auf, statt alles in einem einzigen Schritt zu erledigen, womöglich noch mitten in einer schwachen Marktphase.
Hilft es, die Auszahlung in einem schlechten Jahr auszusetzen?
Dem Depot hilft es, nur musst du in diesem Jahr trotzdem von etwas leben. Genau dafür ist der Vorrat da, er macht das Aussetzen überhaupt erst möglich, ohne dass du dein Budget zusammenstreichen musst. Ohne Rücklage bleibt das Aussetzen ein frommer Wunsch. Sinnvoll ist deshalb die Kombination aus einer Regel, die festlegt, wann ausgesetzt wird, und einem Vorrat, der diesen Zeitraum abdeckt.
Woran erkenne ich, ob mein Plan empfindlich ist?
An drei Größen. Erstens am Anteil deiner laufenden Kosten, der aus dem Depot kommen muss, denn je höher er liegt, desto empfindlicher bist du. Zweitens an der Reichweite deines Vorrats, gemessen in Monaten des offenen Bedarfs. Drittens daran, wie viel von deinem Budget du notfalls streichen könntest, ohne dass es wehtut. Wer diese drei Werte kennt, beantwortet die Frage, ohne eine einzige Simulation laufen zu lassen.