Entnahme

Die 4-Prozent-Regel: was davon in Deutschland übrig bleibt

Keine Faustformel wird beim Thema Ruhestand so oft zitiert und so selten hinterfragt. Sie kommt aus amerikanischen Daten, rechnet vor Steuern und plant für 30 Jahre. Was davon hier trägt und was nicht.

Christopher Hellermann Stand: September 2026 8 Minuten

Was die Regel behauptet

Nimm dein Vermögen am Tag des Ruhestandsbeginns. Vier Prozent davon darfst du im ersten Jahr ausgeben. In jedem weiteren Jahr hebst du denselben Betrag ab, nur um die Teuerung erhöht. Ob die Börse zwischendurch steigt oder fällt, spielt keine Rolle. So lautet die Regel, und sie hat eine hübsche Kehrseite: Multipliziere deine Jahresausgaben mit 25, dann hast du die Summe, die du angeblich brauchst.

Bei einer halben Million wären das 20.000 Euro im ersten Jahr. Bei 30.000 Euro Jahresbedarf wären 750.000 Euro das Ziel. Zwei Zahlen, eine Minute Rechenzeit, fertig ist die Ruhestandsplanung. Deshalb ist die Regel so beliebt.

Was in der Studie wirklich stand

Die Herkunft ist gut dokumentiert. Der Finanzplaner William Bengen prüfte Anfang der Neunzigerjahre, welche Entnahme ein Depot über einen langen Zeitraum ausgehalten hätte. Sein Prüfstand waren historische Kurse des amerikanischen Kapitalmarkts, durchgerechnet für jeden denkbaren Ruhestandsbeginn der Vergangenheit, auch für die ungünstigsten. Wenig später wiederholten Professoren der Trinity University diese Arbeit systematisch für verschiedene Aktien-Anleihen-Mischungen, und seither trägt die Untersuchung deren Namen.

Nun zu dem, was beim Weitererzählen verloren geht. Der Prüfstand war der amerikanische Markt, und der lief im zwanzigsten Jahrhundert außergewöhnlich gut. Der geprüfte Zeitraum betrug exakt dreißig Jahre. Und die Messlatte war denkbar niedrig angesetzt: Bestanden hatte ein Verlauf schon dann, wenn nach diesen dreißig Jahren noch irgendein Restbetrag übrig war. Ob ein Euro oder zweihunderttausend, machte für die Statistik keinen Unterschied.

Die Regel verspricht nicht, dass dein Vermögen erhalten bleibt. Sie verspricht nur, dass es dreißig Jahre lang gereicht hätte, in der Vergangenheit, in einem anderen Land.

Vier Gründe, warum die Zahl hier kleiner ausfällt

Der Fiskus entnimmt mit

Das ist der schwerste Einwand. Wer in den amerikanischen Auswertungen entnimmt, entnimmt brutto. Hierzulande greift auf Gewinne aus Wertpapieren die Abgeltungsteuer mit 25 Prozent zu, dazu kommen Solidaritätszuschlag und, falls du Kirchenmitglied bist, die Kirchensteuer. Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs entschärft die Teilfreistellung das etwas: Nur 70 Prozent des Gewinns landen in der Bemessungsgrundlage. Ein Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro, für zusammen veranlagte Paare 2.000 Euro, bleibt zusätzlich frei.

Ein Detail lohnt sich hier: Der Fiskus greift nicht auf die Entnahme zu, sondern auf den Gewinnanteil darin. Wer Anteile verkauft, holt sich immer eine Mischung aus eigenem Kapital und Wertzuwachs zurück, und nur der Zuwachs zählt. Trotzdem bleibt der Befund: Was die Steuer frisst, steht dir nicht zum Leben zur Verfügung, und bezahlen musst du sie aus derselben Abhebung.

Kosten schmälern die Rate Punkt für Punkt

Fondskosten, Depotentgelt, Orderkosten, eventuell eine Vergütung für die Verwaltung. Was davon abgeht, fehlt der Rendite, und was der Rendite fehlt, fehlt der Entnahmerate. Das ist keine Näherung, sondern eine Gleichung. Bei einer Rate im niedrigen einstelligen Bereich macht schon ein halber Prozentpunkt einen beachtlichen Teil des gesamten Spielraums aus.

Dreißig Jahre sind selten genug

Die Zahl passt, wenn du mit 65 oder 67 aufhörst. Wer früher geht, braucht länger Geld. Und wer sich an der durchschnittlichen Lebenserwartung orientiert, plant für den Fall, dass er in der Hälfte der Fälle zu kurz geplant hat. Planen musst du für den Fall, dass du den Durchschnitt überschreitest. Mit jedem zusätzlichen Jahr sinkt die Rate, die dieselbe Verlässlichkeit noch trägt.

Die Reihenfolge schlägt den Durchschnitt

Zwei Depots können über 25 Jahre dieselbe Durchschnittsrendite erzielen und völlig verschieden enden. Den Unterschied macht, wann die schwachen Jahre kamen. Wer gleich zu Beginn aus einem gefallenen Depot entnimmt, gibt dafür viele Anteile her, und die fehlen in jeder späteren Erholung. Dieses Muster ist die eigentliche Gefahr der Entnahmephase, und ich habe ihm einen eigenen Text gewidmet: das Renditereihenfolge-Risiko.

Und dann ist da noch das Leben

Die Modellrechnung hebt jedes Jahr denselben Betrag ab, unbeeindruckt von allem. So lebt niemand. Die ersten Ruhestandsjahre sind oft die teuersten, weil nachgeholt wird, was jahrzehntelang liegen blieb. Danach folgt eine ruhigere Strecke, und irgendwann steigen die Ausgaben für Gesundheit und Hilfe wieder. Eine Planung, die diese Kurve kennt, trifft die Wirklichkeit besser als jede feste Prozentzahl.

Wie ich es in Mandaten mache

Ich beginne nie mit einer Prozentzahl, sondern mit einem Euro-Betrag. Was brauchst du im Monat, wenn kein Gehalt mehr kommt? Was davon decken gesetzliche Rente, Betriebsrente oder Mieten bereits ab? Was übrig bleibt, ist der Auftrag ans Depot. Diese Zahl schicke ich anschließend durch drei historische Krisenverläufe. Übersteht sie die, taugt sie als Grundlage.

Wofür die Regel trotzdem taugt

Als Peilstab ist sie hervorragend. Sie beantwortet in einer Minute die Frage, ob du überhaupt in der richtigen Größenordnung unterwegs bist. Wer 30.000 Euro jährlich aus 200.000 Euro Vermögen ziehen möchte, muss nicht weiterrechnen, sondern etwas ändern. Wer eine Million besitzt, steht dagegen an einem Punkt, an dem die Feinheiten über das Ergebnis entscheiden.

Für alles weitere fehlen ihr drei Angaben, die nur du liefern kannst: dein echter Bedarf, deine Steuerlage und eine Antwort darauf, wovon du lebst, während die Kurse unten stehen. Den ersten Punkt klärt Rentenlücke berechnen, den dritten Liquiditätsreserve im Ruhestand.

Häufige Fragen

Kann ich mich hierzulande auf die 4-Prozent-Regel verlassen?

Als Faustformel taugt sie überall, als Planungsgrundlage nicht. Sie beruht auf US-Kapitalmarktdaten, rechnet vor Steuern und unterstellt einen Zeitraum von 30 Jahren. Wer in Deutschland entnimmt, zahlt auf den Gewinnanteil Abgeltungsteuer und bekommt damit aus denselben 4 Prozent weniger heraus. Als Einstieg ins Nachdenken ist die Regel nützlich, als Zahl, an der du deinen Ruhestand aufhängst, ist sie zu grob.

Wie viel Kapital brauche ich nach der 4-Prozent-Regel?

Umgekehrt gerechnet das 25-fache deiner Jahresausgaben. Bei 30.000 Euro Bedarf im Jahr sind das 750.000 Euro. Diese Zahl ist allerdings brutto gerechnet und ohne Kosten. Rechne deinen tatsächlichen Bedarf, zieh gesetzliche Rente und andere feste Einkünfte ab, und erst die Lücke muss das Depot tragen.

Welche Entnahmerate ist stattdessen realistisch?

Eine einzelne Zahl, die für alle stimmt, gibt es nicht. Sie hängt an deinem Zeithorizont, an den Kosten deines Depots, an deiner Steuersituation und daran, wie flexibel du in schwachen Jahren bist. Wer früher aufhört und länger plant, muss vorsichtiger entnehmen. Wer bereit ist, in schlechten Jahren weniger zu entnehmen, kann im Schnitt mehr entnehmen.

Was ist der größte Fehler bei der Entnahme?

Einen festen Betrag stur weiterzuentnehmen, während das Depot gefallen ist. Dann verkaufst du viele Anteile zu niedrigen Kursen, und genau diese Anteile fehlen später, wenn sich die Kurse erholen. Deshalb gehört zu jedem Entnahmeplan eine Reserve, aus der du in schwachen Phasen lebst, statt Anteile zu verkaufen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information (Stand: September 2026) und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Genannte Rechenbeispiele sind Beispiele und keine Erwartung. Historische Auswertungen lassen keinen Schluss auf künftige Entwicklungen zu. Die Wertentwicklung von Wertpapieren unterliegt Marktschwankungen, Verluste bis hin zum Kapitalverlust sind möglich. Steuerliche Fragen zu deiner persönlichen Situation klärst du mit einem Steuerberater oder dem Finanzamt.