Eine Regel, die mit dem letzten Gehalt ihren Sinn verliert
Drei Nettogehälter aufs Tagesgeld, damit ist der Notgroschen erledigt. Im Berufsleben trägt dieser Rat, und zwar aus einem Grund, der selten ausgesprochen wird: Das Polster baut sich von allein wieder auf. Ist die Waschmaschine hinüber und das Konto danach dünn, schieben die nächsten Gehaltseingänge den Bestand über ein paar Monate zurück nach oben. Entscheiden muss dafür niemand etwas.
Dieser Automatismus endet an deinem letzten Arbeitstag. Von da an stammt jeder ausgegebene Euro aus deinem eigenen Bestand, und aufgefüllt wird nur, wenn du dich bewusst dazu entschließt und etwas dafür verkaufst. Aus einem Polster, das sich selbst repariert, wird eines, das bewirtschaftet werden will.
Der Vorrat bekommt eine zweite Aufgabe
Schwerer als der fehlende Nachschub wiegt allerdings, dass sich der Zweck verschiebt. Bisher stand das Geld für kaputte Geräte und unerwartete Rechnungen bereit. Jetzt steht es zusätzlich dafür, dass du nicht verkaufen musst, während die Kurse tief stehen. Wer mitten in einem Rückgang Anteile abgibt, um laufende Rechnungen zu bezahlen, gibt für denselben Eurobetrag deutlich mehr Stücke her. Die fehlen dauerhaft, denn an einer späteren Erholung nehmen nur die Anteile teil, die noch im Depot liegen.
Warum ausgerechnet der Start in den Ruhestand dafür der empfindlichste Zeitpunkt ist, habe ich im Text zum Renditereihenfolge-Risiko auseinandergenommen. Von allen Gegenmitteln ist der Vorrat das schlichteste, und er verlangt keinen einzigen Umbau im Depot.
Sortiere dein Geld nach Zeit, nicht nach Rendite
Statt über Prozentzahlen zu streiten, hilft eine andere Frage: Wann brauche ich welchen Euro? Wer sein Vermögen danach in drei Gruppen legt, hat das Wesentliche erledigt. Ich nenne sie hier Alltagstopf, Übergangstopf und Langfristtopf.
Der Alltagstopf
Girokonto und Tagesgeld, zuständig für die überschaubaren nächsten Monate. Hier liegt das Geld für laufende Rechnungen, für die Nebenkostenabrechnung, für Versicherungsbeiträge und für den Handwerker, der nicht bis zum Frühjahr warten kann. Bedingung: sofort abrufbar, ohne Kursrisiko, ohne Kündigungsfrist. Dafür zahlst du einen Preis, und der ist real. Übersteigt die Teuerung die Verzinsung, schrumpft die Kaufkraft dieses Betrags. Diese Gruppe ist eine Versicherung mit laufender Prämie und kein Baustein zum Vermögensaufbau.
Der Übergangstopf
Was in den kommenden Jahren voraussichtlich abfließt, muss nicht unverzinst herumliegen, darf aber auch nicht mit dem Markt auf und ab gehen. Diese Gruppe deckt die Spanne ab, die ein schwaches Börsenjahr erfahrungsgemäß braucht, um sich zu fangen, und rückt Stück für Stück in den Alltagstopf nach. Verlangt sind geringe Ausschläge und ein Termin, zu dem das Geld verlässlich bereitsteht.
Der Langfristtopf
Alles Weitere hat genau eine Aufgabe: deine Kaufkraft über zwei bis drei Jahrzehnte zu tragen. Dieser Teil darf sich bewegen, er muss es sogar, weil er als einziger die Teuerung überhaupt einholen kann. Und er bleibt liegen, solange die Kurse gedrückt sind. Für solche Phasen existieren die beiden anderen Gruppen.
Zwei Dinge gehören dazugesagt. Das Modell optimiert nichts, es verteilt Zuständigkeiten. Kein Zahlungstermin soll auf Geld treffen, das genau dann im Minus notiert. Und einen Schlüssel, der vorgibt, wie viel Prozent in welche Gruppe wandern, gibt es hier bewusst nicht. Die Größen folgen aus deinem Bedarf und nicht aus einer Formel.
Der Maßstab ist der offene Rest, nicht dein Budget
Der häufigste Fehler besteht darin, in Euro zu denken. Ein Satz wie „ich habe 50.000 Euro auf dem Tagesgeld" sagt für sich genommen nichts. Bei der einen Lebenshaltung sind das zwei Jahre, bei der anderen ein halbes. Aussagekräftig wird die Angabe erst, wenn du sie in Monate umrechnest, und zwar in Monate jenes Betrags, den wirklich das Depot aufbringen muss. Dafür genügen drei Zeilen:
- Was musst du monatlich zwingend zahlen? Wohnen, Einkauf, Versicherungen, Mobilität, Gesundheit. Gemeint ist der Teil ohne Verhandlungsmasse, nicht das Wunschbudget.
- Was kommt verlässlich herein? Gesetzliche Rente, Betriebsrente, private Rentenzahlungen, Mieten, jeweils nach Abgaben und Steuer.
- Die Differenz ist deine Bezugsgröße. Nur dieser Rest stammt aus dem Depot, und nur an ihm misst sich der Vorrat.
Ein Beispiel mit frei gewählten Zahlen: Zwingend fällig sind 2.800 Euro im Monat, verlässlich herein kommen 2.300 Euro. Zu tragen hat der Vorrat damit nicht 2.800 Euro, sondern 500. Ein Jahr Reichweite kostet dich also 6.000 Euro statt 33.600 Euro. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern der Kern der Sache: Bei gleichem Lebensstil kommt jemand mit kräftiger gesetzlicher Rente mit einem Bruchteil dessen aus, was jemand braucht, der seinen Alltag überwiegend aus dem Depot bestreitet. Kennst du deinen offenen Rest noch nicht, fängst du besser dort an und rechnest zuerst deine Rentenlücke.
Was den Vorrat wachsen und was ihn schrumpfen lässt
Nach oben ziehen: ein großer Anteil des Depots an deinen Gesamteinkünften, ein Haus mit aufgeschobenen Reparaturen, eine selbstständige Erwerbsbiografie ohne nennenswerte gesetzliche Ansprüche, Prämien der privaten Krankenversicherung im Alter, ein Haushalt mit nur einem Einkommen und absehbare größere Anschaffungen wie ein neues Auto.
Nach unten ziehen: kräftige laufende Renten, die den Pflichtteil deiner Ausgaben beinahe vollständig abdecken, eine schuldenfreie und gepflegte Immobilie, ein Haushalt mit zwei Einkommen sowie ein Budget, das sich notfalls spürbar zurückfahren lässt, ohne dass jemand darunter leidet. Der letzte Punkt wird fast immer unterschätzt: Kürzbare Ausgaben ersetzen einen Teil des Vorrats.
Was ich in Mandaten stattdessen tue
Ich frage nie zuerst nach dem Kontostand. Ich ermittle den Betrag, den das Depot monatlich liefern muss, und teile das vorhandene Tagesgeld durch diese Zahl. Was dabei herauskommt, überrascht in beide Richtungen. Der eine merkt, dass ein üppig wirkender Bestand nur eine Handvoll Monate abdeckt. Andere halten seit Jahren ein Vielfaches dessen bereit, was sie tatsächlich benötigen, weil sie ihre Bruttoausgaben als Maßstab genommen haben statt den offenen Rest.
Schreib vorher auf, wann du nachlegst
Ein Vorrat ist kein Zustand, sondern ein Kreislauf aus Leeren und Füllen. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie groß er ist, sondern wann du aufstockst und wann du ihn bewusst kleiner werden lässt. Fehlt diese Festlegung, fällt sie mitten in einem Kursrückgang, und dann hat nicht dein Plan das Wort, sondern dein Bauchgefühl. Das rät zuverlässig zum Verkauf, weil es Sicherheit sucht, und zwar genau dann, wenn ein Verkauf am meisten kostet.
Die Regel darf schlicht ausfallen, sie muss nur schriftlich vorliegen. So kann sie aussehen:
- Einmal jährlich, an einem festen Kalendertag und ohne besonderen Anlass, siehst du dir den Bestand an.
- Steht das Depot oberhalb der Marke, die du dir gesetzt hast, stockst du auf die vereinbarte Monatszahl auf.
- Steht es darunter, bleibt das Depot in diesem Jahr unangetastet, und der Vorrat darf kleiner werden. Genau dafür existiert er.
- Rutscht der Vorrat unter eine vorher gezogene Linie, nimmst du dir zuerst deine Ausgaben vor und nicht dein Depot.
Woran du die Marke festmachst, ist zweitrangig. Es zählt, dass in einer unruhigen Phase ein Satz bereitliegt, den du in einer ruhigen formuliert hast.
Die Obergrenze wird öfter gerissen als die Untergrenze
Auch nach oben gibt es eine Grenze, und überschritten wird sie häufiger. Wer aus Sorge den Gegenwert von zehn Jahren auf dem Tagesgeld parkt, hat kein Risiko beseitigt, sondern getauscht: Kursschwankung gegen einen über lange Zeiträume kaum vermeidbaren Verlust an Kaufkraft. Über einen Zeitraum von 25 Jahren oder länger ist das keine Entscheidung für Sicherheit, sie fühlt sich lediglich so an. Auffallen tut der Unterschied kaum, weil die Teuerung leise arbeitet. Sie verschickt keinen Auszug mit einem Minus, sie senkt still, was dein Geld noch kaufen kann.
Die einzige brauchbare Faustregel ist keine Zahl, sondern eine Frage: Reicht der Vorrat über die Spanne, in der du auf keinen Fall verkaufen willst, und nicht länger?
Was darüber hinausgeht, gehört in eine der Gruppen mit klarer Zuständigkeit. Was darunter bleibt, ist eine Einladung, im schlechtesten Moment Anteile abzugeben. Wie das bei dir ausfällt, ermittelt der Ruhestands-Cashflow-Check unter anderem als Reichweite deines Vorrats in Monaten. Und wenn ohnehin ein Umbau ansteht, lies vorher, worauf es beim Umschichten vor der Rente ankommt.
Häufige Fragen
Für wie viele Monate sollte der Vorrat reichen?
Eine Größenordnung lässt sich nennen, einen Richtwert nicht. In der Beratung landen die meisten irgendwo bei einem bis drei Jahren des Betrags, den das Depot monatlich liefern muss. Ausschlaggebend ist, wie dein Einkommen zusammengesetzt ist. Wird der Pflichtteil deiner Ausgaben fast vollständig von laufenden Renten und Mieten getragen, genügt rechnerisch wenig. Muss das Depot den Großteil stemmen, wird es deutlich mehr. Eine Größe, die für jeden passt, existiert nicht.
Rechne ich den Vorrat zum Depot oder daneben?
In der Gesamtbilanz zählt er dazu, aufbewahrt gehört er woanders. Rechnerisch ist er Teil deines Vermögens und drückt den schwankenden Anteil nach unten. Das solltest du wissen, sonst bist du vorsichtiger aufgestellt, als dir bewusst ist. Praktisch liegt er besser auf einem eigenen Konto als im Verrechnungskonto des Depots. Was sichtbar für sich steht, wird seltener spontan angelegt und in einer nervösen Phase seltener übersehen.
Sind Festgeld oder kurz laufende Anleihen dafür geeignet?
Für die mittlere Gruppe durchaus, für die erste eher nicht. Der Alltagstopf hat genau eine Anforderung zu erfüllen, nämlich jederzeit ohne Kursverlust bereitzustehen. Festgeld ist bis zum Ende der Laufzeit blockiert, und Anleihen haben einen Kurs, der sich bewegt, solange du vor dem Fälligkeitstag verkaufst. Bei Beträgen, die erst in zwei bis fünf Jahren gebraucht werden, sind über mehrere Termine verteilte Laufzeiten dagegen ein üblicher Weg. Welche Bausteine zu deiner Lage passen, sehen wir uns gemeinsam an.
Was tue ich, wenn die schwache Phase länger dauert als der Vorrat reicht?
Dann greift die nächste Stufe, und deshalb sollte sie vorher feststehen. Zuerst nimmst du dir das Budget vor und suchst die Posten, die sich ein Jahr lang kürzen lassen, ohne dass es ans Eingemachte geht. Danach ist die mittlere Gruppe an der Reihe, deren Bausteine weniger stark ausschlagen als das Depot. Erst am Ende dieser Kette steht ein Verkauf aus dem langfristigen Teil. Wer die Reihenfolge einmal notiert hat, muss sie später nur noch abarbeiten.
Muss ich jedes Jahr nachlegen?
Nein, und darin liegt der ganze Sinn. Aufgestockt wird nur, wenn das Depot oberhalb der Marke steht, die du dir gesetzt hast. Steht es darunter, lässt du den Vorrat bewusst kleiner werden und verkaufst nichts. Ein starres jährliches Auffüllen ohne Blick auf den Depotstand würde genau das auslösen, was der Vorrat verhindern soll, nämlich Verkäufe zu gedrückten Kursen.